Schalke 04: Last-Minute-Glück oder Lohn harter Arbeit?

Anfang der Saison 2017/2018 übernahm Domenico Tedesco die Königblauen vom beurlaubten Markus Weinzierl. Grade hatte er, trotz einer 0:1 Niederlage gegen Fortuna Düsseldorf, den Klassenerhalt mit Erzgebirge Aue geschafft, da wartete eine neue weit größere Aufgabe auf ihn.

Tedesco, der mit Aue gerade eine viertel Saison als Zweitligatrainer an Cheftrainererfahrung mitbringt, wird auf das schwere und unbeständige Pflaster nach Gelsenkirchen geholt. Seine Erfolgschancen waren sowohl bei Kritikern, als auch bei Fans oder Experten, eher bemessen. Man hat es als Trainer auf Schalke ja nicht gerade leicht. Die Erwartungshaltung ist hoch und schnell ist der Trainer bei Fans, sowie auch bei Verantwortlichen der Sündenbock für den „Misserfolg“. So waren von den letzten zwanzig Trainern auf Schalke nur ganze drei (Magath, Keller, Slomka) länger im Amt als eine Saison und nun solle ein „unerfahrener“ diese Aufgabe meistern? Die Zweifel waren groß.

Doch die Königsblauen starten gut in die Saison und schlagen am ersten Spieltag wohlverdient und doch überraschend RB Leipzig mit 2:0. In einem klasse Spiel zeigt die Mannschaft direkt zu Beginn der Saison, was in ihr steckt und, dass man mit ihnen zu rechnen hat. Nach einer 1:0 Niederlage gegen die anfangs der Saison sehr starken Hannoveraner folgten zwei weitere Siege gegen Bremen und Stuttgart. Man sah, dass man Spaß daran hatte Fußball zu spielen und keine Scheu vor großen Spielen oder Aufgaben hatte. Trotz Rückschlägen, wie den zwei aufeinander folgenden Niederlagen gegen Bayern und Hoffenheim, gab man das System und den offensiv Fußball nicht auf und verlor anschließend keins der letzten elf Ligaspiele. Jedem im Gedächtnis bleiben sollte der dreizehnte Spieltag. Das große Revierderby gegen Borussia Dortmund. Bereits nach 25 Minuten lag man mit einem unglaublichen Rückstand von 4:0(!) hinten und wirklich niemand hätte an diesem Tag mit einem Wunder gerechnet. Doch es geschah. Schalke kam bärenstark aus der Kabine und machte aus einem längst verloren geglaubten Spiel mit viel Herz, Ehrgeiz und Mentalität die Aufholjagd der Saison. 4:4 hieß das Ergebnis, nachdem Naldo in der 94. Minute per Kopfball das Wunder vollbrachte und trotz des Unentschiedens fühlte man sich, zurecht, ein wenig wie der große Derbysieger.

Schalke nur im Last-Minute-Glück?

Spätestens nach dem starken Auftritt in der zweiten Hälfte des Revierderbys war klar: Mit Schalke musst du bis zu Schluss rechnen. So erzielte man gegen den FC Augsburg den Siegtreffer in der 83. Minute und am letzten Hinrunden Spieltag nach 0:2 Rückstand gegen die Eintracht aus Frankfurt erst den Anschlusstreffer in der 82. Und dann sogar den Ausgleich in der 95. Durch wen? Natürlich durch Naldo! „Ich glaube, in Gelsenkirchen werden bald viele Jungen den Namen Naldo tragen“ scherzte Torhüter Ralf Fährmann nach der Partie. Doch sind die späten Erfolge nur das sonst von den Bayern beanspruchte Last-Minute-Glück oder steckt mehr hinter der Erfolgsserie, die man im Ruhrpott gerade erlebt? Nein, das alles ist auf einen Mann zurück zuführen, der am Samstag seine erste Bundesliga-Hinrunde beendete: Domenico Tedesco. Außer den zwei neuen, Amine Harit und Bastian Oczipka, hat er die selbe Stammelf wie Vorgänger Markus Weinzierl zur Verfügung. Weinzierl holte mit dieser nur ein einziges Mal einen 0:2 Rückstand auf, beim 2:2 im Europa-League-Spiel bei Borussia Mönchengladbach. Durch Tedesco bekam die sonst so unbeständige und wankelmütige Mannschaft ein System und eine Bärenmentalität. „Diese Mannschaft hält sich an Pläne. Das macht einfach Spaß“, lobte Tedesco nach dem 2:2 gegen Frankfurt, dabei gehören große Teile dieser Erfolge auch ihm. Unauffällig und fast schon viel zu ruhig ging seine erste Hinrunde zu Ende. So gab es doch in den letzten Jahren immer wieder Diskussionen und Auseinandersetzungen mit und um den Trainerposten bei Königsblau. Blieben die erwarteten Erfolge aus stand man bei den eigenen Fans schnell mit dem Rücken zur Wand und natürlich wurde das Thema dann auch von den Medien nicht grade besänftigt. Die Zahlen sprechen für sich: Ganze 20(!) verschiedene Trainer hatte man in den letzten 15 Jahren auf Schalke zu bewundern. Doch bei Tedesco merkt man von Erfolgsdruck nichts. Gekonnt und elegant hält er sich aus diesen Thematiken raus, geht ruhig und professionell seinem Job nach, lässt kaum Angriffsfläche für Kritik und liefert eine unglaubliche Hinserie mit S04 ab. Vielleicht waren es grade diese Ruhe und die Unangefochtenheit die Schalke in den letzten Jahren zum großen Erfolg fehlte? Man möge die Rückrunde abwarten und sehen zu was man noch im Stande ist.

Doch bei aller Euphorie: Ganz Perfekt läuft es auf Schalke auch nicht. Zu viele individuelle Fehler, wie der von Benjamin Stambouli in der zweiten Minute beim Spiel gegen Eintracht Frankfurt lassen die Mannschaft viel zu oft in Rückstand geraten. „Es ist nicht unser Plan zu sagen: Lass die anderen ruhig mal zwei Tore machen, das holen wir sowieso noch auf. Diese Mannschaft hat mit diesem Trainer das Zeug, besser zu werden“, sagte Manager Christian Heidel. Noch besser werden nach einer solchen Hinrunde? Schon wieder werden untertönig die Forderungen nach noch größerem Erfolg laut. Trotz allem sollte man in Gelsenkirchen zufrieden sein mit dem derzeitigen Erfolg. Und ganz zu Ende ist die Hinrunde ja auch noch nicht. Am Dienstagabend wartet mit dem 1.FC Köln noch ein DFB-Pokalspiel auf die Knappen (20.45 Uhr, live in der ARD). Sollte man gegen die zuletzt doch noch Siegreichen Kölner den Viertelfinaleinzug sicher machen, steht einem geruhsamen, friedlichen aber auch erfolgreichen Weihnachtsfest in Königsblau nichts mehr im Wege.

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